Gary Numan zum Album JAGGED

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Gary Numan zum Album JAGGED

Beitragvon Plastikmann » 14.04.2008 (22:14)

Nach den letzten beiden Alben „Pure“ und „Hybrid“ war es bis auf einige Wiederveröffentlichungen wieder mal still geworden um einen der wohl einflussreichsten Musiker der Neuzeit. Nach einigen Problemen mit seiner alten Plattenfirma Artful Records und sozusagen als frischgebackener Vater (meinen Glückwunsch noch mal dazu) präsentiert sich GARY NUMAN im Jahr 2006 mit JAGGED düsterer und aggressiver als je zuvor. Ich hatte eigentlich in den letzten Jahren eher wenig von ihm mitbekommen und wollte wissen, wie es ihm in den letzen Jahren ergangen ist und habe ihm daher die folgenden Fragen gestellt. Der Einfachheit halber habe ich seine Antworten dann gleich hinter den Fragen platziert, aber lest am Besten selbst:

Das letzte Album ist ca. 5 Jahre her und die letzten Veröffentlichungen waren soweit ich weiß Best Of, Remix- und Live Material. Wie empfindest Du die relativ lange Verzögerung bezüglich des neuen Albums. Bist damit zufrieden, weil Du unter Umständen die Meinung vertrittst, dass gute Dinge einfach eine gewisse Zeit brauchen?

Nein, ich finde nicht, dass etwas unbedingt Zeit braucht, um gut zu werden. Aber ich denke, 5 Jahre sind zu lang. Einen Grossteil dieser Zeit habe ich gar keine Musik gemacht. Ich hatte andere Probleme, die ich lösen musste. Aber das ganze letzte Jahr und ein Teil des Jahres vorher waren dem Album gewidmet. Ich wünschte, es wäre schneller gegangen, aber unglücklicherweise ist es nicht so. Es sind auch viele gute Dinge passiert, zum Beispiel habe ich jetzt eine Tochter. Ich verbringe viel Zeit mit ihr.

Ist es wahr, dass Du teilweise etwas sauer auf die Fans warst, die immer wieder ihren Unmut darüber geäussert haben dass kein neues Album von Dir herauskam. Du sagtest mal, dass es auch andere wichtige Dinge in Deinem Leben gibt, wie z.B. Deine Familie. Wie denkst Du im Moment darüber?

Ich liebe es schon mein ganzes Leben, Musik zu machen. Aber es ist nicht das einzige, was ich in meinem Leben habe. Da sind andere Dinge, die wichtiger sind – meine Frau ist wichtiger und meine Tochter ist ein wichtiger Teil, den ich auf keinen Fall missen möchte.
Ich möchte die wichtigen Dinge im Leben meines Kindes nicht verpassen, ich möchte meine Familie nicht enttäuschen. Es ist sicher so, dass meine Familie einen Einfluss auf den Erscheinungstermin hat, aber es gibt auch immer Fans, die wollen sofort oder morgen eine neue Platte. Es wird eine Zeit in der Zukunft kommen, in ein paar Jahren, dann will ich vielleicht gar keine Platten mehr herausbringen. Und das ist für mich wichtig: Ich mache Platten, wenn ich es will. Ich gehöre nicht den Fans und ich möchte selbst entscheiden, wann und wie ich Platten herausbringe. Ich sage den Fans dafür ja auch nicht, welches Album sie kaufen sollen, oder in welchem Laden sie das tun sollen. Ich schreibe niemanden vor, was er zu tun hat und erwarte den gleichen Respekt mit gegenüber.


Welche Gründe haben dazu geführt, dass Du nach NUMA Records nun mit MORTAL Records erneut ein eigenes Label gegründet hast? Glaubst Du, dass es nun einfacher wird, die Leute zu erreichen weil Du außer der Musik noch viel mehr Dinge kontrollieren kannst?

Es gab grosse Probleme mit der alten Plattenfirma, sie zahlten mir kein Geld und ich habe zum Beispiel auch keine Ahnung, wie oft das letzte Album verkauft wurde. Ich habe zum ersten Mal ein Album aufgenommen und es hat mich mein eigenes Geld gekostet, es zu promoten. Ich bin wirklich kein Mensch, der sich vom Geld leiten lässt, das ist ja auch offensichtlich, sonst würde ich mir sicherlich nicht 5 Jahre Zeit lassen, ein neues Album zu veröffentlichen, aber das war eine Situation, in die ich nie wieder geraten will. Der einzige Grund, warum ich MORTAL gegründet habe ist, dass ich es satt hatte, von den Plattenfirmen belogen und „fucked“ zu werden. Es hat weniger mit der Kontrolle als vielmehr mit der Gewissheit zu tun, dass nun, wenn wir uns entscheiden etwas zu tun, es auch umgesetzt wird. Es hat etwas damit zu tun, in der Lage zu sein, Entscheidungen zu treffen und sie auch in die Tat umzusetzen. Keine Entschuldigungen, keine gebrochenen Versprechen. Ich weiss genau, wo ich mit meinem eigenen Label stehe und ich lasse mich nicht durch die kindliche Politik der Plattenfirmen und falsche Absichten demoralisieren. Ein eigenes Plattenlabel zu betreiben hat manchmal etwas von einem beängstigenden Albtraum, aber es ist besser als „Rate mal, wer lügt“ mit Plattenfirmen zu spielen.

Du wolltest mit JAGGED düsterer, schwerer und atmosphärischer klingen. Beim Hören ist mir aufgefallen, dass fast alle Songs ein Intro von bis zu 1 Minute haben. Ist das Deine Art, einen Spannungsbogen aufzubauen.

Nun ja, ich fühle mich nicht an die allgemeine Regel gebunden, dass nach den ersten 30-60 Sekunden eines Liedes der Refrain oder so kommen sollte. Ich stelle keine Erwartungen daran, im Radio gespielt zu werden, also habe ich die Freiheit, das Lied sich auf eine andere Art entwickeln zu lassen. Für mich ist die Stimmung und die Atmosphäre wichtiger, als möglichst schnell zum „guten Teil“ eines Liedes zu kommen. Zudem ist ein langes Intro für mich eine interessante Weise, eine Stimmung sich entwickeln zu lassen, sei es eine Bedrohung oder was auch immer gerade benötigt wird, bevor der Hauptteil des Liedes einsetzt. JAGGED ist ein Album, dass sich besonders gut dazu eignet, über Kopfhörer oder bei einem lauten Konzert gehört zu werden. Im Auto klingt es z.B. nicht so gut, da viele der ruhigeren atmosphärischen Momente vollständig verloren gehen. Aber ich denke, dass diese atmosphärischen Momente helfen, Spannung oder Erwartung bei vielen Liedern aufzubauen.


Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit ADE FENTON und wie war es, mit ihm zu arbeiten? Wie war die Arbeit organisiert?

Es war eine fantastische Erfahrung. Wir arbeiteten sehr gut zusammen, sehr schnell und das allein war schon sehr aufregend und anspornend. Ideen kamen so schnell. Ich habe enormen Respekt vor seiner Art, Sounds zu entwickeln und die unglaubliche Art, wie er dazu neigt, ein Lied zu hören. Er scheint Songs auf eine völlig andere Art zu hören, als jeder andere und er verbindet völlig ungewöhnliche Dinge mit ihnen, die aber trotzdem irgendwie immer dazu passen. Zwischen uns gab es sehr wenige Widersprüche und wenn, waren sie leicht und freundlich behoben. Er ist ein großes Talent und wenn er so weitermacht, wäre ich überrascht, wenn er nicht einer der bekanntesten und gefragtesten Produzenten auf der Welt wird. Ich schätze, das einzige, was ihn davon abhalten könnte, wäre seine Entscheidung, was er aus seinem Leben machen soll. Ich bin mir nicht sicher, ob er ein Produzent sein möchte.

Auf JAGGED sind einige sehr bekannte Gastmusiker zu hören, wie z.B. Jerome Dillon von NIN, Rob Holliday von THE PRODIGY und der Drummer von THE CURVE: Monti. Bitte erkläre kurz, wie es war, mit ihnen zu arbeiten.

Das ist schwierig zu erklären, da ich nicht mit ihnen zusammen im gleichen Studio gearbeitet habe. Alles geschah getrennt voneinander. Monti und Rob nahmen die meisten ihrer Sachen in ihren eigenen Studios auf und sandten sie mir dann zum anhören zu. Bei Jerome Dillon, der eine wirklich fantastische Arbeit abgeliefert hat, war es ebenso. Der Punkt ist, dass dies alles unglaubliche Musiker sind und sie brauchen mein wachendes Auge nicht, um zu erkennen, was ein Song noch benötigt und wie man es transportieren könnte. Einer der Gründe, warum ich sie auf dem Album haben wollte, ist ihre Art, wie sie ihre Instrumente spielen und daher machte es Sinn, sie einfach ihr Ding machen zu lassen. Es ist aufregend zu hören, was sie in der Vergangenheit gemacht haben. Jeromes Teile auf „Halo“ und „Haunted“ haben mich zum Beispiel im Studio auf und ab springen lassen, so brillant fand ich sie.

Einige im Moment sehr erfolgreiche Bands wie z.B. THE KILLERS, GOLDFRAPP oder THE BRAVERY scheinen sehr von Deiner Musik beeinflusst zu sein. Wie ist das für Dich und interessierst Du Dich überhaupt für die im Moment so angesagte „Indie-Pop“-Szene?

Egal ob ich diese Bands mag oder nicht, ich kenne mich wirklich nicht sehr gut in den musikalischen Bereichen aus, aus denen sie kommen. Es ist immer schmeichelhaft, von anderen als Einfluss genannt zu werden und ich bin sehr stolz auf die Tatsache, dass ich sehr oft genannt werde. Es ist eine Ehre, dass diese Leute mich und meine Musik als Einfluss auf ihre Arbeit nennen und ich bin ihnen dafür sehr dankbar. Wenn Bands wie NIN, MARYLIN MANSON oder die FOO FIGHTERS eine Coverversion eines deiner Songs machen, kannst nichts anderes tun, ausser sehr stolz darauf zu sein.

Was empfindest Du, wenn Bands wie die SUGAR BABES deine Lieder benutzen um daraus so etwas wie „cheasy“ Pop-Musik zu machen. Fühlst Du Dich geehrt oder interessiert es Dich eher nicht?

Nein ich fühle mich sehr geehrt. Ich glaube, es gibt für einen Songwriter kein grösseres Kompliment, als wenn andere Künstler ihn covern oder Samples von Dir benutzen. Bei mir sind geht es von NIN bis zu den SUGAR BABES und noch viele andere wie z.B. BASEMENT JAXX, AFRIKA BAAMBAATA und FEAR FACTORY, also sehr breit gefächerte musikalische Spielarten. Ich finde das sehr cool und es bedeutet mir sehr viel.

Ich finde, Dein neues Album klingt sehr hymnisch und auf eine gewisse Art und Weise auch aggressiv. Meiner Meinung nach hat es Ähnlichkeiten mit der Musik von Bands wie THE PRODIGY oder NIN. Beeinflussen diese modernen Crossover-Industrial Bands Dich?

Um ehrlich zu sein, beeinflusst mich eigentlich fast jeder. Es gibt so viele begabte Menschen auf der Welt und wir alle können etwas voneinander lernen. Trent Reznor (NIN) sagt über mich, ich hätte ihn stark beeinflusst, ich würde das gleiche über ihn sagen. Liam Howlett (THE PRODIGY) hat mal sehr nette Dinge über mich gesagt und ich würde ihm das gleiche erwidern. Das sind schlaue Leute voller Ideen und wir alle können uns helfen, die Ideen zu etwas Einzigartigem zu formen, dass die Musik vorantreibt. Es dreht sich alles darum, kleine Nischen der Inspiration zu finden, die unsere Phantasie entfachen, um etwas Neues schaffen zu können.

Ein wichtiger Teil Deiner Musik scheint mir Deine sehr spezielle Stimme zu sein. Wie wichtig ist Deine Stimme für Dich persönlich?

Ich finde wirklich, dass meine Stimme ziemlich schwach ist und sie war lange Zeit eine Quelle der Frustration für mich. Aber ich habe erkannt, dass sie klanglich einen ganz bestimmten Widererkennungswert hat. Das ist etwas, das in gewisser Hinsicht etwas sehr Wertvolles ist, und ich habe daher tendiert, meine Stimme so zu akzeptieren, wie sie ist und das Beste daraus zu machen. Ich sehe mich definitiv nicht als Sänger oder so etwas aber es ist alles, was ich habe.

Und damit hat er etwas wirklich einzigartiges und ich will hoffen, dass uns GARY NUMAN auch in den nächsten Jahren musikalisch beeindruckt und sich möglichst nicht zu schnell ins Familienleben verabschiedet.
Ich danke Gary für ein wirklich nettes Gespräch.
Plastikmann
 
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Registriert: 02.08.2005 (14:42)

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